Veröffentlicht am 07. Juni 2019

Wie Naturheilkunde die Krebstherapie unterstützen kann

Naturheilverfahren sind bei Patienten als sanfte Art der Medizin beliebt – insbesondere auch bei Krebspatienten. Dr. med. Marion Paul ist eine der beiden Chefärztinnen des Vivantes Brustzentrums und erklärt uns im Interview, welche naturheilkundlichen Verfahren bei einer Krebstherapie förderlich sind.

Frau Dr. Paul, was versteht man überhaupt unter Naturheilkunde bzw. Naturheilverfahren?

Unter Naturheilkunde versteht man unterschiedliche Naturheilverfahren, die unter Verwendung natürlicher Heilmittel die Selbstheilungskräfte des Körpers anzuregen vermögen. In der Naturheilkunde kommt alles zum Einsatz, das auf natürliche Weise auf den Körper einwirkt, darunter Bewegung, Yoga, Entspannungsverfahren wie Autogenes Training, Progressive Muskelentspannung oder Achtsamkeitsübungen. Darüber hinaus kommen Heilpflanzen zum Einsatz, unter anderem in Form von ätherischen Ölen. Diese Verfahren haben oft schon eine jahrhundertelange Tradition und ihre Wirksamkeit ist zum Teil auch schon wissenschaftlich belegt.

Inwiefern sind Naturheilverfahren im Rahmen einer Krebstherapie sinnvoll?

Es gibt hauptsächlich drei Bereiche, in denen wir unterstützend Naturheilverfahren einsetzen: Zur Verbesserung der Lebensqualität, zur Minderung der Nebenwirkungen bei einer Chemotherapie oder antihormonellen Therapie und zur Prävention nach Krebs.

Warum interessieren sich so viele Patient*innen für naturheilkundliche Verfahren?

Die Naturheilkunde bietet unseren Patienten die Möglichkeit, selbst aktiv zu werden und nicht nur die Therapie „über sich ergehen zu lassen“. Gerade Krebspatient*innen möchten natürlich nichts unversucht lassen. Über 90 Prozent der Brustkrebspatientinnen wenden zusätzlich naturheilkundliche Verfahren an.

Wie kann man sich die Wirkung von naturheilkundlichen Verfahren konkret vorstellen?

Bei uns im Brustzentrum bekommen die Patientinnen am Abend vor der Operation zum Beispiel Lavendelwickel; das beruhigt und fördert einen guten Schlaf.

Im Rahmen einer Chemotherapie bieten wir Entspannungsverfahren wie Autogenes Training, Meditation oder Achtsamkeitsübungen an. Da die Mundschleimhaut und das Zahnfleisch von der Chemotherapie angegriffen werden, leiten wir unsere Patientinnen im ayurvedischen Ölziehen an. Bewegung an der frischen Luft, Yoga oder andere Sportarten beugen der chronischen Müdigkeit, der sogenannten Fatigue, vor, beziehungsweise schwächen diese ab. Zum Erhalt der Haare bieten wir eine Kühlkappe an. Durch die Kälte ziehen sich die Gefäße an der Kopfhaut zusammen, wodurch die Haarwurzel geschützt wird und ein Großteil des Haares erhalten werden kann. Dies alles sind Methoden, mit deren Hilfe wir die Nebenwirkungen der Behandlung verringern und die Lebensqualität steigern können.

Kann man Krebserkrankungen auch durch naturheilkundliche Verfahren behandeln?

Wirksame Standardverfahren, wie Operation, Bestrahlung und Chemotherapie kann die Naturheilkunde nicht ersetzen, aber erfolgreich ergänzen. In Deutschland sehr verbreitet ist beispielsweise die Misteltherapie. Viele Patient*innen berichten über eine deutlich verbesserte Lebensqualität. Eine kleine Studie aus Serbien hat sogar ein verlängertes Gesamtüberleben nachgewiesen. Was Studien eindeutig belegen ist die positive vorbeugende Wirkung von regelmäßigem Sport. Die Wahrscheinlichkeit, erneut an Brustkrebs zu erkranken, verringert sich so signifikant.

Spielt die Ernährung auch eine Rolle?

Auf jeden Fall! Eine gesunde, natürliche und abwechslungsreiche Ernährung ist auf jeden Fall förderlich. Auch Nahrungsergänzung spielt eine Rolle, das kommt aber immer auf den Einzelfall an. Unser Brustzentrum arbeitet derzeit mit Professor Michaelsen von der Abteilung für Naturheilkunde im Immanuel-Krankenhaus an einer Studie, die herausfinden soll, inwiefern vegane Ernährung oder kurzzeitiges Fasten helfen kann, die Nebenwirkungen einer Chemotherapie zu verringern oder sogar hilft, den Tumor zu verkleinern.

Gibt es auch schädliche Neben- oder Wechselwirkungen durch Naturheilverfahren?

Ja, bestimmte Substanzen können die Wirkung der Medikamente abschwächen oder verstärken. Die Einnahme von Grapefruitsaft oder Johanniskraut können beispielsweise dazu führen, dass einige Chemotherapeutika langsamer abgebaut werden und es zu einer zu hohen Konzentration des Wirkstoffs im Blut kommt. Deswegen ist es wichtig, dass die Patient*innen solche Verfahren nicht im Alleingang anwenden sondern alles mit ihrem Arzt/Ihrer Ärztin besprechen. Um eine heilsame Wirkung zu erzielen, müssen alle Elemente der Therapie gut aufeinander abgestimmt werden.

Wie können Patienten und Patientinnen zwischen seriösen und unseriösen Anbietern von naturheilkundlichen Verfahren unterscheiden?

Es gibt inzwischen immer mehr wissenschaftlich belegte Verfahren, auch in der Naturheilkunde. Wir besprechen mit allen Patient*innen individuell, wie erfolgversprechend in ihrem Fall eine bestimmte Methode ist. Kriterien für unseriöse Therapien sind häufig sehr hohe Kosten, dass sie als „Wundermittel“ angepriesen werden, vollständige Heilung versprechen und als Alternative und nicht als Ergänzung zur konventionellen Therapie angeboten werden. Denn ersetzen können die Verfahren die medikamentöse onkologische Behandlung nicht. Ich würde jedem Patienten raten, sich immer mit dem behandelnden Arzt/Ärztin zu beraten.

Quelle: vivantes.de

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