Veröffentlicht am 16. Juni 2020

Leistungsträger

Bescheiden ist er, und er drängt sich nicht in den Vordergrund. In erster Linie arbeitet er für das „Gemeinwohl“: unser Darm. Er kann weit mehr als nur verdauen, wenn er seine volle Leistung nicht bringt, dann geht es uns nicht gut. Was macht den Darm für uns so wichtig?

Erkrankungen und Vorsorge

Einige Darmerkrankungen verlaufen akut, andere chronisch. Akute machen sich durch Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen oder Durchfall bemerkbar, sie werden durch Viren, Bakterien oder Nahrungsmittelunverträglichkeiten ausgelöst. Meist bleiben sie folgenlos und klingen nach ein bis zwei Wochen ab. Chronische Erkrankungen beeinträchtigen die Gesundheit lebenslang. Im Rahmen des Krebsfrüherkennungsprogramms können Sie ab dem Alter von 50 Jahren regelmäßig Untersuchungen zur Darmkrebs-Früherkennung in Anspruch nehmen. Ist ein Mitglied Ihrer Familie an Darmkrebs erkrankt, sollten Sie bereits zehn Jahre vor dem Alter, in dem die Erkrankung festgestellt wurde, mit Ihrer Vorsorge beginnen. Zum Beispiel mit einem immunologischen fäkalen okkulten Bluttest (iFOBT) oder mit der hocheffektiven Darmspiegelung: Mithilfe eines Videoendoskops werden Tumore zu fast 100 Prozent erkannt und gutartige Wucherungen (Adenome), aus denen sich später Tumore entwickeln können, während der Untersuchung gleich entfernt. Wird Darmkrebs in einem frühen Stadium erkannt, sind die Heilungsaussichten gut bis sehr gut.

DER DARM ist das größte Verdauungsorgan des Menschen und gleichzeitig eines seiner wichtigsten Organe, die medizinische Forschung bezeichnet ihn sogar als bedeutendste Schaltzentrale im Körper neben dem Gehirn. Mit seiner Länge zwischen fünfeinhalb bis knapp acht Meter entscheidet er mit, ob wir gesund sind oder nicht. Sein Arbeitsauftrag: lebenswichtige Nährstoffe aus den verspeisten Nahrungsmitteln in die Zellen aufzunehmen. Rund 30.000 Tonnen Nahrung und 50.000 Liter Flüssigkeit schleust der muskulöse Schlauch in einem durchschnittlichen Menschenleben durch den Körper. Mit seinen zahllosen Zotten und Ausstülpungen bringt es der Darm auf eine Oberfläche von rund 300 Quadratmetern, damit ist er größer als ein Tennisplatz. Das zarte Nervennetz mit mehreren 100 Millionen Nervenzellen umschlingt die Muskeln der Darmwand von der Speiseröhre bis zum Anus.

Die Sensoren des „Darm-Immunsystems“ ertasten sekündlich, welche Bakterien sich gerade im Inneren des Darms vermehren, welche Substanzen sie ausscheiden und welche chemischen Prozesse im Nahrungsbrei ablaufen. Die Darm-Denkzentrale entscheidet blitzschnell, flexibel und autonom, sie passt den Blutfluss an, hält Nachbarorgane auf dem Laufenden, bestimmt, welche Stoffe in den Körper dürfen und welche abtransportiert werden. Rund 100 Billionen Bakterienzellen sind dabei im Einsatz. In nur einem Gramm Darminhalt siedeln mehr Lebewesen als Menschen auf unserer Erde! Den größten Teil dieser Darmflora, auch Mikrobiom genannt, bilden genau diese Bakterien, aber auch Viren und Pilze. Das komplexe Ökosystem nimmt Einfluss auf unsere Verdauung und damit auf unser Wohlbefinden. Zwischen diesen kleinen Mitbewohnern und unserem Körper besteht eine wechselseitige Beziehung.

Durch Lebensstil und Ernährung können wir auf unsere Darmflora positiv einwirken und damit unser Immunsystem, von dem sich etwa 80 Prozent im Darm befindet, nachhaltig stärken.

Intelligente Darmbakterien

Dr. Hans-Ulrich Jahn, Chefarzt in der Klinik für Gastroenterologie, Diabetologie und Geriatrie im Vivantes Klinikum Kaulsdorf, erklärt, was genau im Verdauungsprozess passiert: „Die Darmbakterien übernehmen einen wichtigen Anteil der Verdauung für den Menschen. Sie zersetzen unverdauliche Nahrungsbestandteile wie beispielsweise Ballaststoffe, indem sie diese in Komponenten zerlegen, die unser Körper aufnehmen kann. Darüber hinaus geht man davon aus, dass sie in der Lage sind, Buttersäure und auch andere kurzkettige Fettsäuren zu produzieren, und damit zur Ernährung der Darmschleimhaut beitragen. In der Folge wird die Immunfunktion der Darmflora gestärkt, und ähnlich einem Platzhalter werden körperfremde Bakterien verdrängt und bekämpft.“ Auf diese Art lässt sich der Körper beispielsweise vor chronischen Entzündungen wie etwa Rheuma oder auch vor Darmentzündungen schützen, die Abwehrkräfte werden gestärkt und das Risiko für Übergewicht gesenkt.

Guter oder schlechter Futterverwerter?

Die Zusammensetzung des Mikrobioms ist bei jedem anders, sie ist so individuell wie ein Fingerabdruck. Ein anschauliches Beispiel: Der Unterschied zwischen adipösen und schlanken Menschen macht sich vor allem an Vertretern der beiden Stämme Bacteroidetes und Firmicutes fest. Bei Normalgewichtigen dominieren die Bacteroidetes-, bei Adipösen hingegen die Firmicutes-Stämme. Eine derartige Verschiebung der Hauptstämme wirkt sich unmittelbar auf den Energiestoffwechsel aus. So produziert das Mikrobiom von Adipösen deutlich mehr Enzyme, die unverdauliche Kohlenhydrate wie Zellulose spalten können. Damit holen diese Menschen viel mehr Energie aus ihrer Nahrung als Menschen, bei denen Bakterien des Stammes Bacteroidetes dominieren – das Attribut „schlechter oder guter Futterverwerter“ bekommt so eine biologisch nachvollziehbare Bedeutung.

Dem Darm Gutes tun

Was können wir dazu beitragen, dass unser Darm gut arbeitet und uns gesund erhält? Dr. Hans-Ulrich Jahn: „Eine gesunde Darmflora lässt sich durch ausgewogene Ernährung fördern: mit reichlich ungesättigten Fettsäuren, viel Gemüse, Samen, Früchten, Getreide, Hülsenfrüchten und Nüssen – kombiniert mit mäßigem Verzehr von Fisch, Hühnerfleisch. Milchprodukte, rotes Fleisch, stark verarbeitetes Fleisch und Süßigkeiten sollte man nur in geringen Mengen zu sich nehmen. Zusätzlich tun probiotische Lebensmittel gut, wie etwa Joghurt, Kefir, bestimmte Käsesorten oder eingelegtes Gemüse sowie präbiotische Nahrungsmittel wie beispielsweise Bananen, Chicorée, Zwiebeln, Knoblauch oder Spargel. Dazu sollte man sich regelmäßig bewegen und chronischen Stress vermeiden.“

News
Gastroenterologie im Vivantes Humboldt-Klinikum unter neuer Leitung
PD Dr. Tobias J. Weismüller wird Chefarzt der Klinik
Artikel lesen
News
Viszeralonkologisches Zentrum von Deutscher Krebsgesellschaft zertifiziert
Zentrum für Magenkrebs, Bauchspeicheldrüsenkrebs und Darmkrebs am Vivantes Klinikum Neukölln anerkannt
Artikel lesen
News
Zentrum am Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum ausgezeichnet
Deutsche Krebsgesellschaft zertifiziert interdisziplinäres Darmkrebszentrum in Schöneberg
Artikel lesen
News
Leistungsträger
Artikel lesen
News
Gutes für die Leber
Artikel lesen
News
Gefährliche Winzlinge
Artikel lesen
News
Vivantes Zentrum für Ernährungsmedizin unter neuer Führung
Prof. Dr. Diana Rubin leitet die interdisziplinäre Einrichtung im Norden Berlins
Artikel lesen
News
Deutsche Krebsgesellschaft zertifiziert interdisziplinäres Darmkrebszentrum
Zentrum am Vivantes Klinikum Neukölln ausgezeichnet
Artikel lesen
News
Alkohol steigert das Krebsrisiko
Artikel lesen
News
Speiseröhrenkrebs - Transplantation gelungen
Artikel lesen
News
Probleme mit dem "großen Geschäft"?
Artikel lesen
News
Vorbeugen und gesund bleiben: Vivantes eröffnet das Vivantes Prevention Center VIPC am Vivantes Humboldt-Klinikum
Artikel lesen
News
Krebsimmuntherapiezentrum am Vivantes Klinikum Spandau eröffnet
Artikel lesen
News
Schwerelos operieren – Vivantes setzt als erstes Krankenhaus in Deutschland schwebende Röntgenschürzen ein
Artikel lesen