Veröffentlicht am 25. Februar 2020

Impuls-Geber

In der modernen Schmerztherapie kann ein Rückenmarkstimulator Patient*innen helfen, die gemeinhin als „austherapiert“ gelten. Dr. Vasileios Ntoukas, Leitender Arzt Wirbelsäulenchirurgie und Facharzt für Neurochirurgie am Vivantes Klinikum Am Urban, erklärt, wie der Schmerzschrittmacher funktioniert und was er bewirken kann.

Etwa jeder Fünftein Deutschland leidet unter chronischen Schmerzen. Wiederkehrend oder anhaltend, treten sie über einen Zeitraum von mindestens drei bis sechs Monaten auf – und werden damit zu einem bestimmenden Teil des Lebens, der mit vielen Einschränkungen verbunden ist. Die häufigste Form sind Rückenschmerzen, oft kommen noch Begleiterkrankungen wie Nackenschmerzen, Migräne oder Schlafstörungen dazu. Für die Betroffenen sind diese Schmerzzustände zermürbend und lassen sie oft verzweifeln. Eine erfolgversprechende Therapiemöglichkeit ist das Einsetzen eines Rückenmarkstimulators.

Herr Dr. Ntoukas, was genau ist ein Schmerzschrittmacher und wie funktioniert er?

Es ist ein kleines Gerät, nur wenige Zentimeter groß, das an eine Elektrode gekoppelt ist, die bestimmte Nerven daran hindert, die Schmerzinformation an das Gehirn weiterzuleiten. Der Schrittmacher erzeugt elektrische Impulse, feine Metalldrähte übertragen diese ins Rückenmark und sorgen dafür, dass sich die Weiterleitung des Schmerzsignals abschwächt oder sie sogar unterbrochen wird. Das bedeutet: Die Information „Schmerz“ erreicht das Gehirn entweder abgeschwächt oder gar nicht. Dafür spürt die Patientin oder der Patient im jeweiligen Schmerzareal ein Kribbeln. In den letzten Jahren haben sich die Stimulationsprogramme allerdings technisch so weiterentwickelt, dass das Kribbelempfinden gänzlich entfällt.

Welche chronischen Schmerzen können mit diesem Verfahren behandelt werden?

Eine ganze Reihe unterschiedlicher Schmerzen. Zum Beispiel dauerhafte Rückenschmerzen oder kombinierte Rücken- und Beinschmerzen, oftmals bereits mehrfach voroperiert in Bandscheiben oder Versteifungs-OPs. Oder Schmerzen durch die periphere arterielle Verschlusskrankheit, auch Schaufensterkrankheit genannt, bei der die Blutgefäße verengt sind, die die Beine mit Sauerstoff versorgen. Auch der Phantomschmerz und die Polyneuropathie, die Erkrankungen des peripheren Nervensystems, die mehrere Nerven betreffen. Ebenfalls das Komplexe regionale Schmerzsyndrom, Schmerzen nach Gürtelrose sowie auch die austherapierte Angina Pectoris, also Herzschmerzen. Wichtig ist auch, dass sich die Schmerzmedikation, die ja auch mit Nebenwirkungen verbunden ist, meist wesentlich reduzieren lässt.

Können Sie vorab testen, ob der Schmerzschrittmacher den Patient*innen hilft?

Ja, wir prüfen das vorab, indem wir eine feine Elektrode an die Rückenmarkshaut setzen. Der Eingriff wird ambulant und unter lokaler Betäubung durchgeführt. Die so implantierte Elektrode verbinden wir mit einem externen Generator. Innerhalb der nächsten Tage zeigt sich dann im Alltag der jeweiligen Patientin bzw. des jeweiligen Patienten, wie sich die Schmerzen verbessern. Beträgt die Verbesserung 50 Prozent oder mehr, können wir den eigentlichen Schrittmacher implantieren.

Der Rücknmarksimulator

Ein batteriebetriebener „Impulsgenerator“ (IPG) wird unter der Haut implantiert, minimalinvasiv, in der Regel oberhalb des Gesäßes oder am Bauch. Vom IPG gehen eine oder mehrere Elektroden aus, die die Nervenfasern im Rückenmark stimulieren. Eine Veränderung der Stromstärke und anderer Parameter der Stimulation kann zu einer Schmerzlinderung führen. Die elektrischen Impulse überlagern das Schmerzsignal durch ein leichtes Kribbeln (Parästhesie), das aufgrund der stetigen Weiterentwicklung inzwischen entfällt. Über eine Fernbedienung können Patient*innen das System an- oder abschalten, je nach Schmerzart, -intensität oder Aktivität Programme wechseln und die Stimulation entsprechend anpassen. Die neuen, wiederaufladbaren Geräte halten in der Regel lebenslang, nach circa 10 Jahren müssen die Batterien gewechselt werden. Der Schmerzschrittmacher kam erstmalig 1967 zum Einsatz, mittlerweile wurden weltweit mehr als 400.000 Patient*innen damit behandelt. Stetige Fortschritte in der Technik führen dazu, die Zielgruppe für diese Therapieform erheblich zu erweitern und den Bekanntheitsgrad zu erhöhen.

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