Veröffentlicht am 17. Februar 2021

Diagnose:MS

Trotz intensiver Forschung weiß die Wissenschaft bis heute nicht, wodurch Multiple Sklerose (MS) konkret ausgelöst wird. Vermutet wird ein ganzes Bündel an Ursachen. In der Behandlung der Autoimmunkrankheit wurden dagegen in den letzten zwei Jahrzehnten erhebliche Fortschritte erzielt. Die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) zertifizierte die Klinik für Neurologie am Vivantes Klinikum Neukölln zum „MS-Schwerpunktzentrum“. Oberarzt Dr. Dieter Bähr leitet die MS-Ambulanz, er berichtet über die Behandlungsmöglichkeiten.

Herr Dr. Bähr, was passiert bei einer MS-Erkrankung im Körper?

Man muss es sich so vorstellen: Das Immunsystem löst eine Überreaktion aus, bei der sich Antikörper und andere Botenstoffe gegen körpereigene Substanzen und Gewebe richten. Die Nervenfasern werden angegriffen und entzünden sich, das kann zu unterschiedlichen Symptomen führen, etwa Lähmungen, Seh-, Gefühls-, Gleichgewichts- und Sprechstörungen sowie auch einer Blasenfunktionsstörung.

Wie verläuft die Krankheit?

In seltenen Fällen schleichend, dagegen häufig in Krankheitsschüben. Die treten insbesondere am Anfang der Erkrankung auf, wenn die Entzündungsreaktion im zentralen Nervensystem besonders aktiv ist.

Wie behandeln Sie Ihre Patient*innen in der Vivantes MS-Ambulanz?

Entscheidend für die Behandlung ist die Krankheitsaktivität. Wir nehmen uns daher viel Zeit, um herauszufinden: Wie stark und wie schnell entwickelt sich die MS? Zu einem wichtigen Baustein in der umfassenden Diagnostik hat sich die Magnetresonanztomografie (MRT, Kernspintomografie) entwickelt. Mittels Bildgebung ist es heute möglich, MS bereits im Frühstadium zu erkennen. Entzündungsherde sowie das Ausmaß des Gewebe- und Hirnschwundes sind sichtbar, ebenfalls lassen sich Aktivität und Verläufe der Erkrankung besser beurteilen. So kann MS frühzeitig richtig behandelt werden. Zwar lässt sie sich noch nicht heilen, aber in vielen Fällen doch so gut kontrollieren, dass es zu keinen neuen Krankheitsschüben kommt und man sich auf die Linderung der Symptome konzentrieren kann.

Was können Medikamente bewirken?

Wir wägen sorgfältig ab, wann, wie und in welcher Intensität wir medikamentös behandeln. Das bei Krankheitsschüben eingesetzte Cortison behandelt die aktuelle Symptomatik. In besonders schweren Fällen, wenn etwa eine Sehstörung zu einer Erblindung führen könnte, waschen wir die Immunreaktion aus der Blutbahn aus (Plasmapherese). Langfristig setzen wir Medikamente ein, die unterschiedlich stark ins Immunsystem eingreifen. Die Möglichkeiten haben sich in den letzten Jahren vervielfacht! Ist die Entzündungsaktivität eher gering oder wird sie im Verlauf der Erkrankung geringer, konzentrieren wir uns auf die symptomatische Behandlung. Für die Lebensqualität unserer Patient*innen ist das enorm wichtig: Bewegungsstörungen, Schmerzen und Blasenfunktionsstörungen können wir beeinflussen. Unsere Patient*innen werden darüber hinaus regelmäßig untersucht und ihre Laborwerte kontrolliert, um die Wirksamkeit unserer Maßnahmen zu überprüfen, rechtzeitig neue Symptome zu erkennen und möglichen Nebenwirkungen der Medikamente zu begegnen.

Durch welche Besonderheiten zeichnet sich das Vivantes MS-Schwerpunktzentrum aus?

Wir behandeln mehr als 400 Patientinnen und Patienten im Jahr. Daher ist unser Team mit der Erkrankung MS bestens vertraut und hat eine Kompetenz entwickelt, die hervorragende Voraussetzungen für eine individuelle und erfolgreiche Behandlung bietet. Darüber hinaus sind wir eng vernetzt mit anderen Vivantes Experten, beispielsweise dem Institut für Neuroradiologie, der Klinik für Augenheilkunde, der Urologie und dem Beckenbodenzentrum sowie auch externen Partnern, wie etwa der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft. Diese Kooperationen machen interdisziplinäre Abstimmungen einfach und sichern eine hohe Versorgungsqualität für unsere Patient*innen. Zu unserem speziellen Angebot gehört auch eine Neuropädiatrie: Hier sind Untersuchungen von Kindern möglich, bei denen die Diagnose besonders komplex ist. Aktuell beteiligen wir uns an zwei interessanten Studien: Eine untersucht, inwieweit sich die Lebensweise der an MS Erkrankten – also Ernährung, Sport, Stress, Gewohnheiten – ohne den Einfluss von Medikamenten auf die Entwicklung der Krankheit auswirkt. Eine weitere thematisiert den Umgang der Patient*innen mit Schüben und Symptomen: Sie werden geschult, den eigenen Körper besser zu verstehen und Warnsignale wahrzunehmen, um nicht alle Symptome sofort mit Medikamenten behandeln zu müssen.

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